Bis 2030 suchen bundesweit rund 186.000 Unternehmen einen Nachfolger, allein in der Region Bodensee-Oberschwaben sind es mehrere Tausend. Das eigentliche Problem beginnt aber oft erst, wenn ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin tatsächlich gefunden ist.
Irgendwann kommt der Moment, in dem ein Inhaber merkt, dass sein Terminkalender sich nicht mehr füllt, sondern leert. Die Kinder haben eigene Wege eingeschlagen, der Steuerberater fragt beim Jahresgespräch beiläufig, „wie es mit der Nachfolge aussieht“, und auf einmal steht eine Frage im Raum, die jahrzehntelang keine war: Wer führt das Unternehmen weiter, wenn der Gründer es nicht mehr tut? So oder so ähnlich beginnt diese Geschichte gerade in Tausenden Betrieben zwischen Hegau und Schwarzwald – meist leise, oft zu spät und selten mit einem fertigen Plan in der Schublade.
Eine globale Alterung mit wirtschaftlichen Folgen
Was sich hier regional abspielt, ist Teil eines Musters, das praktisch alle reifen Industrienationen betrifft. In Japan, das der demografischen Entwicklung Europas meist ein Jahrzehnt voraus ist, sind seit Jahren Hunderttausende profitable Kleinunternehmen ohne Nachfolge – Tokio finanziert inzwischen eigene Vermittlungsprogramme, um sie am Leben zu halten. In den USA und weiten Teilen der EU steht mit den Babyboomern die geburtenstärkste Unternehmergeneration der Nachkriegszeit gleichzeitig vor dem Ruhestand. Der Unterschied zu früheren Generationswechseln: Es folgt keine ebenso große Nachwuchsgeneration nach, die im selben Tempo Betriebe übernehmen will oder kann. Unternehmensnachfolge ist damit von einer familiären Randnotiz zu einer gesamtwirtschaftlichen Kennziffer geworden.
Deutschland: Die Zahl der Nachfolgen stagniert – nicht, weil es weniger Grund dafür gäbe
Für Deutschland hat das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn errechnet, dass zwischen 2026 und 2030 rund 186.000 Unternehmen zur Übergabe anstehen, weil ihre Eigentümer aus Alters-, Krankheits- oder Todesgründen ausscheiden. Bemerkenswert ist dabei weniger die Zahl selbst als ihre Richtung: Sie stagniert, obwohl die Inhaberschaft im Mittelstand spürbar altert. Der Grund laut IfM: Bei immer mehr Betrieben lohnt sich eine Übernahme aus Sicht potenzieller Nachfolger schlicht nicht mehr, weil die Ertragslage zu schwach ist.
Das KfW-Nachfolge-Monitoring vom Januar 2026 zeichnet ein noch schärferes Bild. Jährlich rund 114.000 mittelständische Unternehmen erwägen bis Ende 2029 eine bewusste Stilllegung statt einer Übergabe – ein Rekordwert seit Beginn der Erhebung. Dem stehen etwa 109.000 tatsächliche Nachfolgewünsche pro Jahr gegenüber. Das durchschnittliche Alter der Inhaberinnen und Inhaber liegt inzwischen bei über 54 Jahren, mehr als zwei Millionen sind 55 oder älter. Als größte Hürde nennen die Unternehmen in KfW-Befragungen mit großem Abstand die Suche nach geeigneten Kandidaten, gefolgt von steuerlich-rechtlicher Komplexität und zunehmend auch von Bürokratie.
Kennzahlen im Überblick
| Kennzahl | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| Anstehende Unternehmensnachfolgen Deutschland, 2026–2030 | ca. 186.000 | IfM Bonn, Daten und Fakten Nr. 37 (2025) |
| Geplante Stilllegungen statt Nachfolge, jährlich bis 2029 | ca. 114.000 | KfW Research, Fokus Volkswirtschaft Nr. 526 (2026) |
| Durchschnittsalter der Inhaberinnen/Inhaber im Mittelstand | über 54 Jahre | KfW Research |
| Unternehmen im IHK-Bezirk Bodensee-Oberschwaben (Sigmaringen, Ravensburg, Bodenseekreis) | über 30.000 | IHK Bodensee-Oberschwaben |
Am Bodensee wird die Statistik konkret
Zoomt man von der Bundesebene auf den Südwesten, verliert das Thema seine Abstraktheit. Der IHK-Bezirk Bodensee-Oberschwaben zählt über 30.000 Mitgliedsunternehmen, dazu kommen die vielen inhabergeführten Handwerks- und Familienbetriebe entlang des Sees und im südlichen Schwarzwald, die traditionell das Rückgrat der Region bilden. Regionale Auswertungen gehen von mehreren Tausend Betrieben aus, die allein in den kommenden Jahren eine Übergabe regeln müssen – der überwiegende Teil davon familiengeführt, ohne dass eine interne Nachfolge bereits gesichert wäre. Für eine Region, die touristisch, mittelständisch und stark exportorientiert zugleich geprägt ist, ist das mehr als eine Randnotiz: Jeder unbesetzte Chefsessel bedeutet im Zweifel den Verlust von Ausbildungsplätzen, Zulieferbeziehungen und über Generationen gewachsenem Fachwissen, das sich nicht einfach nachbesetzen lässt.
Die IHK reagiert mit eigenen Formaten – Webinarreihen, Checklisten, eine „Nachfolgewoche“ im Juni – und empfiehlt unisono, mindestens zwei, besser drei bis fünf Jahre vor der gewünschten Übergabe zu beginnen. In der Praxis, sagen Berater aus der Region übereinstimmend, beginnt die Suche jedoch häufig deutlich später.
Wo es wirklich klemmt: die Pain Points hinter der Statistik
Wer mit Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern und M&A-Beratern in der Region spricht, hört immer wieder dieselben Muster:
- Der Nachfolger fehlt, nicht der Wille. Bundesweit nennen laut KfW rund drei Viertel der nachfolgeplanenden Unternehmen die Suche nach einer geeigneten Person als größte Hürde – Familieninteresse lässt spürbar nach, und die Zahl der Existenzgründer, die überhaupt übernehmen wollen, deckt den Bedarf längst nicht mehr.
- Strukturell sauber heißt nicht operativ tragfähig. Ein Betrieb kann steuerlich und gesellschaftsrechtlich optimal aufgestellt sein und trotzdem am bisherigen Inhaber hängen: Prozesse, die nur er kennt, Kunden, die nur mit ihm sprechen, Entscheidungen, die nirgends dokumentiert sind.
- Die Due Diligence deckt Lücken auf, die niemand behebt. Wirtschaftsprüfer und Berater identifizieren im Rahmen der Prüfung häufig Kundenkonzentration oder Prozesslücken – doch deren Behebung liegt meist außerhalb des eigentlichen Mandats und bleibt liegen, bis sie zum Bewertungsabschlag oder Deal-Breaker wird.
- Bürokratie und Steuerrecht kosten zusätzlich Zeit. Rund ein Fünftel der Unternehmen empfindet laut KfW die rechtliche und steuerliche Komplexität mittlerweile als eigenständige Hürde, ähnlich viele nennen Finanzierungsfragen der Nachfolgerseite.
- Zeit ist der knappste Faktor. Wer erst wenige Jahre – oder Monate – vor dem gewünschten Ausstieg beginnt, hat kaum noch Spielraum, um genau jene operativen Schwächen zu beheben, die eine Übernahme später scheitern lassen.
Der wunde Punkt liegt also selten allein bei Bewertung, Struktur oder Steuern – dafür gibt es eingespielte Expertise bei Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern und M&A-Beratern. Der blinde Fleck liegt dazwischen: bei der Frage, ob das operative Geschäft auch ohne den bisherigen Inhaber trägt.
Ein Ansatz aus der Region: die operative Lücke schließen
Genau an diesem Punkt positioniert sich mit der Marktbande aus Singen ein Anbieter aus der Region, der sich bewusst nicht als Konkurrenz zu Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern oder M&A-Beratern versteht, sondern als Ergänzung. Die Idee dahinter: Während die klassischen Berater Bewertung, Struktur, Steuern und Deal-Führung verantworten, kümmert sich die Marktbande um die operative Übergabefähigkeit – also darum, dass ein Betrieb nach dem Ausscheiden des bisherigen Inhabers tatsächlich weiterläuft. Das Modell setzt auf Empfehlung in beide Richtungen statt auf Konkurrenz um dasselbe Mandat, auf gemeinsame Veranstaltungsformate etwa im Rahmen von IHK-Aktivitäten zur Nachfolge, sowie auf Zugang zu einem Netzwerk aus Investoren- und M&A-Kontakten für Fälle, in denen das gebraucht wird.
Ob ein solches Kooperationsmodell in der Praxis trägt, hängt naturgemäß vom Einzelfall ab – und von der Bereitschaft aller Beteiligten, Mandate sauber zu trennen. Bemerkenswert ist der Ansatz trotzdem, weil er eine Lücke benennt, die in der öffentlichen Debatte um Nachfolge selten vorkommt: Die reine Formalie – Notar, Handelsregister, Steuerbescheid – ist meist lösbar. Ob ein Unternehmen ohne seinen Gründer wirtschaftlich atmet, ist die eigentliche Kernfrage, und dafür gibt es bislang kaum etablierte Zuständigkeiten.
Fazit: Zeit ist der wichtigste – und knappste – Rohstoff
Die Zahlen aus Bonn und Frankfurt und die Beobachtungen aus der Region erzählen dieselbe Geschichte aus zwei Perspektiven: Deutschland altert unternehmerisch schneller, als es Nachfolgerinnen und Nachfolger nachwachsen. Am Bodensee und im südlichen Schwarzwald trifft dieser Trend auf eine besonders mittelständisch und familiengeführt geprägte Wirtschaftsstruktur – mit entsprechend großem Risiko, aber auch mit Chancen für alle, die frühzeitig ansetzen. Wer als Inhaberin oder Inhaber jetzt beginnt, statt erst in fünf Jahren, gewinnt genau das, was am Ende über Erfolg oder Scheitern einer Übergabe entscheidet: Zeit, um aus einem Lebenswerk ein Unternehmen zu machen, das auch ohne seinen Gründer trägt.
Quellen
Marktbande UG: Kooperation in der Unternehmensnachfolge (Partnerpapier für Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und M&A-Berater), 2026.
Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn: Unternehmensnachfolgen in Deutschland 2026 bis 2030, Daten und Fakten Nr. 37, 2025.
KfW Research: Nachfolge-Monitoring Mittelstand 2025, Fokus Volkswirtschaft Nr. 526, Januar 2026.
KfW Research: Nachfolge-Monitoring Mittelstand 2024: Jedes vierte Unternehmen denkt über Geschäftsaufgabe nach – Alter ist Hauptgrund, Fokus Volkswirtschaft Nr. 481, Januar 2025.
IHK Bodensee-Oberschwaben: Angaben zu Mitgliedsunternehmen und Veranstaltungsreihen zur Unternehmensnachfolge, ihk.de/bodensee-oberschwaben.
IHK Stuttgart / IHK Dresden / IHK Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim: Berichterstattung zur IfM-Studie 2026–2030.
DATEV magazin: Trotz demografischem Wandel stagnieren die Nachfolgezahlen, Dezember 2025.